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Paul auf dem Weihnachtsbasar
Es ist der dritte Advent, und in der Schule findet wie jedes Jahr der Weihnachtsbasar statt. In den geschmückten Korridoren haben die Klassen ihre Stände aufgebaut, an denen sie selbstgebastelte Sachen verkaufen – Holzspielzeug, Weihnachtsschmuck, Kerzen. Manche haben auch Bilder gemalt oder Plätzchen gebacken. Die älteren Schüler schenken Tee, Kaffee und Glühwein aus, backen Waffeln und kochen Würstchen.
Zwischen den Ständen drängen sich die Schüler und ihre Familien. Einer von ihnen ist Paul aus der ersten Klasse. Eine Stunde lang hat er Engel aus Buntpapier und Tiere aus Kastanien mit Streichholzbeinen verkauft, um die Klassenkasse aufzufüllen. Die war nämlich leer, nachdem Frau Wulff mit den Kindern ins Weihnachtsmärchen gegangen war. Jetzt ist Paul von Imdat abgelöst worden und hat Zeit, sich anzusehen, was die anderen Klassen zu bieten haben. Doch er schiebt sich so schnell an den Ständen vorbei, wie die vielen Menschen ihn durchlassen, und wirft im Vorbeigehen nur flüchtige Blicke auf die Tische.
Er eilt die Treppen hinauf in den ersten Stock und erreicht den Stand, der ihn am meisten interessiert: Die Tombola, die von der zehnten Klasse veranstaltet wird. Paul liebt Verlosungen, und meistens hat er dabei auch Glück.
Sein Blick fliegt über die Preise, die auf dem Tisch hinten an der Wand aufgestellt sind. Manches scheint ziemlich wertvoll zu sein. Es gibt Bücher und Geschirr und einen tragbaren CD-Player und sogar eine Gitarre und alles mögliche andere zu gewinnen. Paul weiß, dass vieles davon gebraucht ist; das meiste wurde von Eltern gespendet.
Auf einmal hält er die Luft an, und er hat keine Augen mehr für all die teuren Dinge. Zwischen einem Stapel Stoffservietten und einer Puppe sitzt eine Weihnachtsmaus. Ein Stofftier, beige, mit weißem Bauch. Auf dem Kopf trägt sie eine rotweiße Weihnachtsmannmütze und um den Hals einen roten Schal mit roten und grünen Fransen.
Genau so eine Weihnachtsmaus hatte er früher auch. Er hatte sie zu seinem ersten Weihnachtsfest vom Weihnachtsmann persönlich bekommen, und er und die Maus waren unzertrennlich, selbst im Sommer.
Dann, an einem heißen Spätsommertag vor zwei Jahren, hat er die Maus im Schwimmbad verloren. Er und seine Eltern haben überall gesucht und Zettel mit ihrer Telefonnummer aufgehängt, aber sie haben die Maus nicht zurückbekommen. Nachts träumt Paul noch manchmal von ihr, und ab und zu beim Kindergottesdienst betet er für sie.
Und jetzt steht er hier vor dem Tombolastand und starrt die Weihnachtsmaus an, die seiner gleicht wie ein Haar dem anderen.
Schnell zieht er sein Portemonnaie aus der Tasche und sagt zu dem Schüler, der die Lose verkauft: „Kann ich die Weihnachtsmaus da hinten haben? Ich möchte sie gerne kaufen. Ich hab fünf Euro mit. Wenn das nicht reicht, bring ich morgen den Rest mit zur Schule.“ Zu dumm, denkt er, dass Mama und Papa schon wieder gegangen sind, sonst könnten die ihm das Geld erst mal auslegen.
Der Schüler blickt nach hinten zu der Maus, dann dreht er sich wieder zu Paul um und antwortet: „Tut mir leid, die Preise sind nicht zu verkaufen. Aber wenn du ein paar Lose kaufst, gewinnst du sie ja vielleicht.“
Paul ist sich nicht sicher, aber was soll er sonst tun? „Also schön“, sagt er, „ich nehme so viele Lose, wie ich für fünf Euro bekomme.“
Der große Junge greift in die Kiste mit den Losen, holt ein paar heraus und sagt: „Es sind nur noch zwölf übrig. Das macht vier Euro.“
Paul bezahlt die Lose, steckt einen Euro wieder in die Tasche und beginnt, die Lose zu öffnen. Das erste ist eine Niete. Das zweite auch.
Nach jedem Los wirft Paul sehnsüchtigere Blicke hinüber zu der Weihnachtsmaus, aber jedes Los, das er öffnet, entpuppt sich als Niete. Zum ersten Mal scheint ihn sein Glück verlassen zu haben. Schließlich hat er auch das letzte Los aufgerissen. Er hat nicht einen einzigen Preis gewonnen.
Der Junge am Stand sieht seinen traurigen Gesichtsausdruck und sagt: „Mach dir nichts draus. Für zehn Nieten bekommst du einen Trostpreis. Einen Bleistift oder Notizblock vielleicht. Die Preise werden in einer Viertelstunde verteilt.“
Traurig geht Paul wieder nach unten. Jetzt hat er fast sein ganzes Geld ausgegeben und nicht einmal das bekommen, was er sich gewünscht hat. Den Trostpreis will er gar nicht haben. Er gibt die Lose seinem Freund Leonid, der ihm unterwegs entgegen kommt. Er beschließt, nach Hause zu gehen.
Er macht sich auf den Weg, der ihn am Bahnhof vorbeiführt. Vor dem Bahnhof sitzt ein armer Mann, der eine Blechdose vor sich aufgestellt hat und darauf hofft, dass die Leute ihm etwas Geld geben.
Paul überlegt nur kurz, dann nimmt er das letzte Geldstück aus seiner Tasche und wirft es in die Blechdose. Der Mann sieht ihn an und sagt freundlich: „Danke.“ Da geht der Junge auch schon weiter.
Nach ein paar Schritten hört er, dass der Bettler ihn zurückruft. Er kehrt um und wartet ab, was der Mann von ihm will. Der kramt jetzt etwas aus seiner Hemdtasche und reicht es dem Jungen.
Es ist ein Los der Schultombola. Vielleicht, überlegt Paul, hat ihm das jemand in die Blechdose geworfen, der nicht bis zur Preisverleihung warten wollte.
„Das schenke ich dir“, sagt der Bettler. „Weil du mir dein Taschengeld gegeben hast.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Ich habe es noch nicht aufgemacht, aber es ist ein Glückslos. Das weiß ich.“
„Warum holen Sie sich dann nicht selbst einen Preis ab?“, fragt Paul.
„Sieh mich doch mal an“, antwortet der Mann. „Die würden mich doch gar nicht in die Schule reinlassen.“
Paul betrachtet den armen Mann genauer und stellt fest, dass er tatsächlich ziemlich schmutzig aussieht. Und eigentlich riecht er auch nicht sehr gut. Vielleicht würde man ihn tatsächlich nicht reinlassen.
„Dankeschön“, sagt er und nimmt das Los. Er schöpft neue Hoffnung und geht in Richtung Schule, dann bleibt er wieder stehen und reißt ungeduldig das Los auf. Statt des Wortes „Niete“ sieht er eine Zahl.
Eine Zahl, die für einen der Preise steht.
Ihm kommt der Gedanke, dass er ja den Preis für den Mann abholen könnte. Doch als er sich umdreht, ist der Bettler verschwunden. Er hat wohl für heute genug Geld bekommen, oder ihm war einfach kalt.
Schnell geht Paul zur Schule zurück und läuft noch einmal die Treppen hinauf. Endlich ist sein Glück zurückgekehrt. Ob er tatsächlich die Weihnachtsmaus gewonnen hat?
Vor dem Tombolastand hat sich eine Schlange von Leuten gebildet, die ihre Preise in Empfang nehmen. Als Paul an der Reihe ist, erlebt er eine furchtbare Enttäuschung: Sein Preis ist nicht die Weihnachtsmaus – die hat schon irgend jemand anders abgeholt -, sondern ein Bild. So ein altmodisches Ölgemälde mit einem Engel drauf. Nicht einmal einer von diesen Engeln, die wie kleine Kinder aussehen. Den hätte er ja wenigstens Mama schenken können, die ist ganz verrückt nach solchen Engeln. Aber dieser hier sieht wie ein erwachsener Mann mit Flügeln aus. Eigentlich sieht er genau aus wie der Bettler, fällt Paul jetzt auf, nur eben mit Flügeln – und mit einem weißen Gewand, das vor Sauberkeit richtig zu leuchten scheint.
„Verzeihung“, sagt plötzlich eine Frauenstimme. Paul wendet den Blick von dem Bild in seinen Händen ab und sieht die fremde Frau an.
„Ich habe gesehen, dass du ein Bild gewonnen hast“, sagt die Frau. „Aber du wirkst nicht besonders glücklich darüber.“ Als Paul nicht antwortet, fährt sie fort: „Ich habe selbst ein paar Lose gekauft, weil mir genau dieses Bild so gut gefallen hat. Leider habe ich etwas anderes gewonnen. Ich wollte dich fragen, ob du womöglich mit mir tauschen möchtest.“
Und dann hält sie ihm tatsächlich die Weihnachtsmaus entgegen! Sofort nickt er und gibt der Frau das Bild, ohne es noch einmal anzusehen.
Die Maus fest an sich gedrückt, rennt er fast den ganzen Weg nach Hause.
Dort sind Mama und Papa fast ebenso aus dem Häuschen wie er selbst. Mama betrachtet die Maus genau und macht auf einmal ganz große Augen. „Sieh mal“, sagt sie und zeigt auf eine Fußsohle der Maus. Da ist ein Buchstabe eingestickt, ein großes P.
„P wie Paul“, erklärt Mama. „Das hab ich gestickt, bevor du sie das erste Mal mit in den Kindergarten genommen hast. Sie sieht nicht nur aus wie deine – sie ist es tatsächlich!“
Paul nimmt die Weihnachtsmaus und geht schnell in sein Zimmer. Er hat nämlich Angst, dass er vor Freude weinen muss, und das wäre ihm furchtbar peinlich. Außerdem hat er der Maus so viel zu erzählen!
Als er durch den Flur kommt, schaut er die kleine Engelfigur an, die auf der Kommode steht. Die, die er immer so blöd fand. Aber eigentlich, denkt er jetzt, sind Engel was ziemlich Tolles.